Deutsches Zentrum für Musiktherapieforschung

(Viktor Dulger Institut) DZM e.V.
Durch Musik heilen - durch Forschung verstehen - eine gesunde Verbindung

Sigrid und Viktor Dulger-Preis 2006

Heike Argstatter erhält den mit 5.000 Euro dotierten Forschungspreis 

Sigrid und Viktor Dulger-Preis 2006 DZM Heidelberg



Prof. Dr. h.c. Viktor Dulger, Aufsichtsratsvorsitzender der ProMinent Unternehmensgruppe Heidelberg, übergibt die Urkunde an die Preisträgerin Dipl.-Psych. Heike Argstatter M.A.

Die Diplompsychologin Heike Argstatter hat den Sigrid und Viktor Dulger-Preis für die Studie zum Wirkungsnachweis von Musiktherapie bei chronischem Tinnitus erhalten. Der Forschungspreis ist mit 5.000 Euro dotiert und wird alle zwei Jahre für herausragende wissenschaftliche Arbeiten verliehen. Die Jury bewertete Relevanz der Thematik, Innovation des Forschungsansatzes und des Studiendesigns sowie die Wirksamkeit des Therapiekonzepts als preiswürdig. Die Thematik sei aufgrund der hohen und steigenden Anzahl der Erkrankung hochbrisant. Überzeugt habe vor allem die umfassende Therapiekonzeption sowie Art und Umfang eines Wirkungsnachweises. Von insgesamt elf eingereichten internationalen Forschungsarbeiten gab das Gutachtergremium der Arbeit von Argstatter den Vorrang.

Seit mehr als zwei Jahren beschäftigt sich die Nachwuchsforscherin mit der Entwicklung und Bewertung eines musiktherapeutischen Konzeptes für die Volkskrankheit Tinnitus.
Das Thema „Tinnitus“ ist mit derzeit mehr als einer Million potentiell behandlungsbedürftiger Patienten in Deutschland hochbrisant. Bestehende Behandlungskonzepte liefern in den meisten Fällen nur eine eingeschränkt befriedigende Reduktion der Symptome und berücksichtigen häufig nicht, dass es sich bei Tinnitus um eine multimodale Erkrankung handelt.
Hier setzt die umfassende Studie „Musiktherapie bei chronischem Tinnitus“ an. In der ersten Projektphase wurde ein musiktherapeutisches Konzept entwickelt, welches sich an den aktuellen Erkenntnissen über pathophysiologische Ursachen von Tinnitus orientiert. Der Therapieansatz fokussiert anders als bestehende symptombezogene Behandlungsmethoden eine Reorganisation des Hörprozesses, da Tinnitus eine krankhafte Veränderung des neuronalen Netzwerkes ist. Bisher wurden 60 Patienten mit der neuartigen Methode behandelt, 32 weitere werden demnächst mit einer Musiktherapie beginnen. Zunächst als wöchentliche Therapie mit insgesamt 12 Sitzungen konzipiert, ist mittlerweile eine Kompakttherapie mit 12 Behandlungseinheiten innerhalb von sechs Tagen möglich. Bei 80 % der behandelten Patienten besserten sich die Beschwerden signifikant, d. h. beim verwendeten Tinnitusfragebogen wurde eine Reduktion von durchschnittlich 18 Punkten erreicht. Mit 85 % ist die einwöchige Kompakttherapie der zwölfwöchigen Standardtherapie leicht überlegen, bei der die Symptomreduktion 79 % beträgt. Bei 21 % der mit der Standardtherapie behandelten Patienten trat keine Veränderung der Ohrgeräusche auf, bei der Kompakttherapie beträgt die Quote 15 %. Eine Verschlechterung der Symptome ist bei keinem Patienten zu beobachten.
Die klinische signifikante Effektivität der Therapie wurde dabei durch Patientenbefragungen nachgewiesen. Zurzeit werden in Kooperation mit der HNO-Klinik der Universität Heidelberg und der Klinik für Diagnostische und Interventionelle Neuroradiologie der Universität Homburg die spezifischen Wirkmechanismen des musiktherapeutischen Konzepts untersucht. Mit Hilfe elektrophysiologischer Verfahren, so genannter EEG-Messungen, und bildgebender Untersuchungen mittels funktioneller Magnetresonanztomografie sollen durch die Therapie im Gehirn hervorgerufene Veränderungen dokumentiert werden.
Für den erhofften neurowissenschaftlichen Nachweis der Therapieeffizienz werden in einer zurzeit andauernden Folgestudie 32 Personen anhand dieser Verfahren vor und nach der musiktherapeutischen Behandlung untersucht. Erste Ergebnisse werden voraussichtlich Anfang 2007 vorliegen.

Die Jury hat ihr Votum für diese Studie aufgrund folgender Kriterien abgegeben:

» Die Entwicklung dieses evidenzbasierten Therapieverfahrens, d. h. dessen Wirksamkeit sich durch klinische Studien eindeutig erhärten oder widerlegen lässt, trägt einer patientenorientierten Forschung Rechnung. Frau Argstatter hat mit ihrem Forschungsansatz einen Grundstein für eine optimale Versorgung von Patienten mit Tinnitus gelegt. Der Evidenznachweis ermöglicht eine Integration dieses Therapiekonzeptes in die Regelversorgung von Patienten mit chronischem Tinnitus.
» Besonders hervorzuheben ist, dass ein Wirkungsnachweis auf verschiedenen Ebenen erbracht wird. Die subjektive Therapiewirkung wurde kontinuierlich mittels Fragebogen erhoben, weit über die eigentliche Therapiedauer hinaus. Durch die Einbeziehung einer Wartekontrollgruppe konnten zufällige Veränderungen der Tinnitusbelastung erfasst und dadurch der Therapieerfolg zuverlässig beurteilt werden. Um den Wirkungsnachweis auch auf medizinischer Seite zu untermauern, werden in einer zweiten Studie bildgebende und elektrophysiologische Verfahren eingesetzt.
» Das Studiendesign ist daher als zukunftsweisend und daher besonders förderungswürdig einzustufen. Besonders hervorzuheben ist bei dem Konzept, dass die individuellen Bedürfnisse der Patienten mit berücksichtigt werden und integriert wurden. So wurde neben der traditionellen, eine Therapiesitzung pro Woche umfassende Behandlung eine weitere Therapieform entwickelt, bei welcher die insgesamt zwölf musiktherapeutischen Sitzungen innerhalb von sechs Tagen absolviert werden.
» Die Entwicklung, Anwendung und Überprüfung der Wirksamkeit des musiktherapeutischen Behandlungskonzepts erforderte eine sehr enge, interdisziplinäre Zusammenarbeit des Deutschen Zentrums für Musiktherapieforschung, der Musiktherapeutischen Ambulanz der Fakultät für Musiktherapie, der HNO-Klinik der Universität Heidelberg und Klinik für Diagnostische und Interventionelle Neuroradiologie der Universität Homburg. Die Zusammenarbeit der einzelnen Institutionen wurde von Frau Argstatter vorbildlich koordiniert.